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NEWS UND EINBLICKE

Nach den Modellen

Warum die größte Herausforderung der Künstlichen Intelligenz heute nicht mehr die Technologie, sondern die Organisation selbst ist

Im Mai 2026 veröffentlichte Gartner eine Prognose, die auf den ersten Blick beinahe paradox erscheint. Nach Einschätzung der Analysten könnten bis 2027 bis zu 40 % der unternehmensweiten AI-Agenten in ihren Befugnissen eingeschränkt, unter menschliche Aufsicht gestellt oder sogar vollständig außer Betrieb genommen werden.

In den vergangenen zwei Jahren dominierte eine ganz andere Diskussion. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Künstliche Intelligenz Berufe automatisieren, den Arbeitsmarkt verändern und schrittweise menschliche Tätigkeiten übernehmen würde. Nun zeichnet sich erstmals ein anderes Szenario ab: Unternehmen könnten gezwungen sein, ihre eigenen intelligenten Agenten „zu entlassen“.

Bemerkenswert ist dabei weniger die Zahl selbst als ihre Ursache. Gartner führt diese Entwicklung weder auf die Qualität der Modelle noch auf technologische Grenzen zurück. Das eigentliche Problem liegt deutlich näher an den Aufgaben von Vorstand und Aufsichtsrat als an denen der Entwickler. Unternehmen erkennen zunehmend, dass autonome Systeme eine völlig andere Governance-Struktur benötigen als jene, die über Jahrzehnte für die Steuerung menschlicher Arbeit aufgebaut wurde.

Wäre diese Einschätzung das Ergebnis einer einzelnen Studie, ließe sie sich als interessante Hypothese abtun. Doch nahezu zeitgleich kommen McKinsey, Deloitte, Teradata und weitere Forschungseinrichtungen zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Trotz unterschiedlicher Untersuchungsfelder beschreiben sie denselben strukturellen Wandel: Unternehmen haben gelernt, Künstliche Intelligenz deutlich schneller einzuführen, als ihre eigenen Organisationsstrukturen weiterzuentwickeln.

Von Modellen zu Organisationen

Die ersten beiden Jahre der generativen KI waren von einem technologischen Wettlauf geprägt. Unternehmen konkurrierten um leistungsfähigere Modelle, größere Kontextfenster, niedrigere Rechenkosten und schnellere Produktzyklen. Lange galt der Zugang zur besten Technologie als entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Diese Logik verliert nun zunehmend an Bedeutung. Die meisten großen Unternehmen können inzwischen zwischen mehreren führenden Modellen wählen. Entscheidend ist daher immer weniger, welches Modell eingesetzt wird, sondern ob die Organisation in der Lage ist, KI sinnvoll in ihre operativen Abläufe zu integrieren.

Je stärker intelligente Systeme von einzelnen Aufgaben zur eigenständigen Ausführung ganzer Geschäftsprozesse übergehen, desto stärker verschieben sich auch die Fragen des Managements. Welche Entscheidungen dürfen autonome Agenten selbst treffen? Wo liegen die Grenzen ihrer Befugnisse? Wer trägt Verantwortung für ihre Handlungen? Und wie lässt sich die Kontrolle über diese Prozesse dauerhaft sicherstellen?

Damit verändert sich auch die Diskussion über KI. Sie ist längst keine rein technologische Debatte mehr, sondern wird zunehmend zu einer Frage der Organisation moderner Unternehmen.

Die Illusion der Transformation

Besonders deutlich zeigt dies die aktuelle Studie von McKinsey. Mehr als 75 % der Unternehmen nutzen generative KI inzwischen in mindestens einer Geschäftsfunktion. Gleichzeitig geben jedoch nur rund 1 % an, KI bereits strategisch in ihr operatives Geschäftsmodell integriert zu haben.

Diese Diskrepanz ist aufschlussreich. Die meisten Initiativen beschränken sich weiterhin auf die Automatisierung einzelner Tätigkeiten – etwa bei der Dokumentenerstellung, der Datenanalyse, im Marketing oder im Kundenservice. Die Organisation selbst bleibt jedoch weitgehend unverändert. Prozesse, Verantwortlichkeiten, Entscheidungsstrukturen und Datenarchitekturen folgen weiterhin den bisherigen Mustern.

So entsteht eine Illusion der Transformation. Die Technologie ist zwar im Unternehmen angekommen, doch die Organisation hat sich noch nicht so verändert, dass sie KI als integralen Bestandteil ihres Geschäftsmodells nutzen kann. Mit ähnlichen Situationen begegnen wir zunehmend auch in unserer eigenen Beratungspraxis: Das Interesse von Führungskräften an Agentic AI wächst deutlich schneller als die Bereitschaft von Prozessen, Datenstrukturen und Governance-Mechanismen, diese Entwicklung tatsächlich zu tragen.

Der eigentliche Engpass ist nicht die Intelligenz

Studien von Deloitte, Gartner, Teradata und Box kommen unabhängig voneinander zu einem weiteren bemerkenswerten Ergebnis. Die größte Hürde für die Skalierung von KI liegt heute nicht mehr in den Modellen selbst, sondern im Reifegrad der Organisation.

Deshalb verlagern sich AI-Themen zunehmend aus dem Verantwortungsbereich der IT in die Zuständigkeit von CEOs, Boards of Directors und Chief Risk Officers.

Bei manchen Unternehmen fehlt eine belastbare AI Governance, bei anderen verhindern fragmentierte Daten oder ungeeignete Prozesse die erfolgreiche Integration intelligenter Agenten. Das Ergebnis ist jedoch identisch: Die nächste Phase der KI-Transformation wird weniger durch technologische Fortschritte bestimmt als durch die Qualität der Corporate Governance.

Gleichzeitig entsteht mit Machine Identity Governance ein völlig neues Themenfeld. Unternehmen müssen künftig nicht mehr ausschließlich Menschen steuern, sondern auch digitale Identitäten verwalten, die auf Unternehmensdaten zugreifen, eigenständig Aktionen auslösen und aktiv an Geschäftsprozessen teilnehmen. Die über Jahrzehnte entwickelte Governance-Architektur, die ausschließlich auf menschliche Akteure ausgerichtet war, stößt damit zunehmend an ihre Grenzen.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Über viele Jahre begann digitale Transformation mit der Auswahl einer neuen Technologie. 

Für Führungskräfte verändert sich die zentrale Fragestellung zunehmend. Es geht nicht länger um die Wahl des richtigen AI-Modells oder Technologieanbieters. Entscheidend ist vielmehr, ob die Organisation selbst bereit ist, mit intelligenten Agenten zusammenzuarbeiten. Sind die Geschäftsprozesse ausreichend transparent? Sind Verantwortlichkeiten für Daten eindeutig geregelt? Wo liegen die Grenzen autonomer Entscheidungsbefugnisse? Und wie werden Entscheidungen in einer hybriden operativen Umgebung gesteuert?

Vermutlich wird genau dies die nächste Entwicklungsphase der Künstlichen Intelligenz prägen. Wettbewerbsvorteile werden künftig immer weniger vom Zugang zum neuesten Sprachmodell abhängen, sondern zunehmend von der Fähigkeit eines Unternehmens, seine Organisation weiterzuentwickeln und dabei Kontrolle, Verantwortung und Steuerungsfähigkeit zu bewahren.

Wenn sich die vergangenen beiden Jahre vor allem um die Frage drehten, wie leistungsfähig KI-Modelle werden können, dann wird die nächste Phase wahrscheinlich von einer anderen Frage bestimmt: Wie muss eine Organisation gestaltet sein, wenn ein Teil ihrer Geschäftsprozesse nicht mehr von Menschen, sondern von intelligenten Agenten ausgeführt wird?

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